Unterkunft
SunriseSunset
MoonriseMoonset
Heute darf etwas länger geschlafen werden, aber nicht zu lange versteht sich. Nach dem Frühstück eine Schreibsession am großen Kamin in der Lobby des Hotels. Der Blick aus dem Fenster zeigt weiterhin einen grauen Himmel, es ist noch nicht ganz hell, also so hell wie es hier halt so maximal um diese Jahreszeit so wird.
Ich weiß jetzt gar nicht mehr wann ich aufgebrochen bin, war es schon 11 Uhr, keine Ahnung. Es ist frisch draußen, aber mehr oder weniger windstill, was auf jeden Fall angenehm ist. Die dicken Handschuhe habe ich aber gleich angezogen, die Finger so warm wie möglich zu halten macht Sinn.
Eigentlich hatte ich vor hoch nach Nybyen zu laufen, bin dann aber doch gleich auf den Lawinenschutzwall abgebogen. Die Sicht war klar, gute Möglichkeiten für ein paar Panoramen. Weiter geht es nach „Beverly Hills“, es steht tatsächlich da oben ein Holzschild mit dieser Angabe, eher eine halboffizielle Angabe würde ich sagen.
Je höher man kommt, desto windiger wird es. Am Hochwasserbehälter bläst dann ein frisches Lüftchen. Dieses Mal habe ich das mühsam bis hierher geschlepptes Stativ auch dabei und nutze es. Die Sicht ist wirklich außergewöhnlich klar, der Blick geht weit in das „Adventdalen“.
Es ist schon einiges los, der Sightseeningbus ist unterwegs und verlangsamt gerade seine Fahrt an der Hundefarm. Ganz klein sieht man ein paar schwarze Punkte in der Mitte des „Adventdalen“, sie sind evtl. auf dem Weg nach Hjorthamn. Dann sieht man eine Gruppe auf Langlaufskiern ins Tal ziehen und wenig später bricht eine wirklich große Gruppe mit Schneemobilen auf, ich habe 17 Stück gezählt.
Dann wieder langsam zurück. „13:00 // Tio Monchos, Jazzlunsj med Fause/Aspaas/Rygg Trio“, steht auf dem Programm. Schwer zu sagen, ob es noch Teenager sind oder ob sie die 20 schon erreicht haben. Zunächst schien es aussichtslos noch einen schönen Sitzplatz im Foyer zu bekommen. Doch dann hatte ich Glück, eine größere Gruppe von Leuten brach auf und ich konnte sogar noch wählen. Nicht viele Augenblicke später vernehme ich gegenüber ein paar deutsche Sprachfetzen, ein älteres Paar. Wir unterhalten uns sehr nett. Erstaunlicherweise sind sie auch wegen des Festivals gekommen, schau an.
Das Trio spielt tollen Jazz.
In der Zeit war ich etwas durcheinandergeraten und meinte mich schon sputen zu müssen, um zur nächsten Veranstaltung zu kommen. Aber nein, es sind ja zwei Stunden Zeit. Da kann ich ja noch bequem nach einem neuen Pullover schauen und werde fündig.
Für das nächste Konzert ziehe ich mal besser geeignete Klamotten an, es ist eine stramme Strecke von einer halben Stunde. Das Thermometer an der Tankstelle zeigt -9° C, aber kein nennenswerter Wind.
„16:00 // Svalbard Bryggeri, Markus Eriksen med venner“ steht auf dem Plan. Ich bekomme noch gut einen Platz. Jetzt erkenne ich Eriksen als den Chorleiter von den Vorspiel-Konzerten. Die gespielten Stücke sind fast alle ruhiger Natur, klassisch, norwegisches Liedgut und leiserer Pop. Die beiden jüngsten „Freunde“ sind wohl Schülerinnen aus der Musikschule, sie spielten auch beim Vorspiel. Beide sind auch beim Vortrag eines Abba-Stückes involviert, das ich allerdings nicht kannte.
Beim Vortrag bemerkte ich, dass eine Frau aus dem Publikum offensichtlich mit vielen „Staubkörnern“ in den Augen zu kämpfen hatte. Wie sich dann nach dem Lied herausstellte war es „die stolze Mutter“ der beiden Geschwister. Es gab keine Zugabe, die durchaus gegeben worden wäre, wenn nicht das nächste Konzert schon in den Startlöchern stand. Die Einheimischen haben es ja einfach, die setzen sich ins Auto und sind in 2-3 Minuten an so gut wie jedem Punkt. Unsereins schwingt die Hufe.
Nun also „17:30 // Mary Ann´s Polarrigg, Randi Oline“. Der Garderobenraum ist ein einziges Chaos, eine Jacke aufzuhängen ist nicht denkbar, also irgendwo hinlegen. Der ganze Boden ist übersät mit Schuhen und sonstigem Winterequipment. Leider sieht es hier mit den freien Plätzen ziemlich düster aus. Ich setze mich erst Mal in einen separaten Raum, mit der Bar. Aber hier ist die Akustik schlecht, von der Sicht ganz zu schweigen. Also postiere ich mich im Eingangsbereich. Ein netter und sehr aufmerksamer Mensch von der Crew reicht mir einen Hocker. Sehr fein. Ja, also die Musik gehört nun nicht unbedingt zu meinen Favoriten, eher ruhigere norwegische Popmusik.
Noch während das letzte Stück spielt stehle ich mich davon, so entgehe ich den Tumulten die sicherlich gleich in der kleinen Garderobe ausbrechen. Dann geht es sehr schnellen Schrittes noch mal ins Hotel, ein paar der Klamotten müssen wieder weg. Aber ich denken mir, dass ich nun wirklich nicht zu hetzen brauche. Die Abendkonzerte begannen nie wirklich pünktlich. Außer heute. Wenige Minuten nach 19 Uhr war ich im Kulturhuset angekommen, auch wenn ich erst mal mit Jacke ins Auditorium gegangen bin. Alle Fragen, ob da oder dort noch ein Plätzchen frei wäre wurden mit „desverre“ negativ beschieden. Tja, Blick auf die Tribüne, ja, da sitzen welche. Ich gehe nach oben, frage welche von der Crew, ob das in Ordnung geht, ja, tut es.
Geschafft. Und kaum habe ich mich hingesetzt beginnt auch schon „19:00 // Kulturhuset, Janove – One Night Only“. Er erzählt, dass er nun schon zum dritten Mal hier sei, einmal mit „Kaisers Orchestra“, einmal mit Band (das hatte ich vor Jahren gesehen) und nun solo, am Piano. Er erzählt mal mehr oder weniger zu den Stücken, so den roten Faden kann ich aufnehmen, aber es hat auch viele Verständnislücken. Macht nichts. Mir hat das Konzert gefallen. Kurze Pause.
Auf dem Programm steht nun „20:30 // Kulturhuset, Maridalen og Lars Lillo-Stenberg“. Es ist also eine Gruppe plus den Einzelkünstler Lillo-Stenberg. Maridalen sind ein Jazztrio, Gesang und weitere Gitarre kommen von Lillo-Stenberg. Eigentlich singt er ziemlich verständlich aber ich verstehe doch recht wenig. Wenn er etwas zu den Titeln erzählt sind es oft die leiser gesprochenen Nachsätze die dann beim Publikum herzhaftes Gelächter auslösen. Er scheint also ein kleiner Schelm zu sein. Die Kombination der Künstler passt gut zusammen, gefällt mir auch. Auch hier verfliegt die Zeit wie im Flug und das anschließende Prozedere ist bekannt. Möglichst rasch seine Klamotten zusammen klauben und raus zum Bus der zum Huset fährt.
Der erste Bus ist rasch voll, ich sitze fast ganz vorne. Alle Leute die noch reinkommen erkennen irgendwen den sie kennen und man begrüßt sich überschwänglich. Mit meinem Sitznachbarn wechsle ich ein paar kurze Worte. Aber die Fahrt dauert ja keine Ewigkeit. Die Garderobe im Huset ist heute unter Selbstverwaltung, jeder hängt seinen Krempel selbst auf, das geht viel schneller, hinterlässt allerdings auch ein leichtes „Schlachtfeld“. Es ist wie eine kleine Form der Anarchie und jeder kommt hier damit klar.
Der Saal ist noch relativ leer, unten stehen ein paar Tische mit Stühlen, aber ich setze mich gleich auf die Tribüne, dort hat man einen ersten Platz auf das ganze Tohuwabohu das bald ausbrechen wird. Nämlich „22:30 // Huset, Gatsbyparty med Swing’it“. Im Prinzip folgt die Choreografie der von 2024. Mit dem Unterschied, dass mir diese Mal meine Bilder nicht verlustig gehen werden, großes Indianerehrenwort.
Die abgezogene Show ist laut, sehr schrill, überdreht in einem Wort abgefahren. „Champagne Charlie“, seinem Akzent nach zu urteilen ein Brite, reißt Gags und Zoten und ist die „Rampensau“. Die Band besteht soweit aus Norwegern. Im Laufe des Wahnsinns tritt dann auch noch eine „Burlesque“-Tänzerin auf die halt so macht was eine „Burlesque“-Tänzerin so tut. Zusammen mit der doch recht enthemmten Stimmung durch eine gewisse Gabe alkoholischer Getränke entfaltet sich somit eine recht erhitzte Gemengenlage. Sie mündet dann wieder in eine Polonäse die von ein paar der Musiker gestartet wird. Irgendwann sind dann auch die letzten Klänge verflogen.
Der Rückweg erfolgt zu Fuß, es hat minimal geschneit, es ist undefiniert gut kalt. Und nebenbei bemerkt, weitere Polarlichter wurden keine gesichtet. Der Weg durch die frische kalte Luft ist angenehm, die Ohren kommen wieder zur Ruhe. In einer halben Stunde bin ich im Hotel, die Uhr zeigt halb zwei, ein langer Tag geht zu Ende.